ÜBER DAS ZWÖLFTONSPIEL

Spielen heißt, die kosmischen Gesetze beobachten und anwenden und sich damit mit der Welten-Harmonie verbinden. Der Mensch ist nur der irdische Vollstrecker der kosmischen Gesetze, er macht sie physisch wahrnehmbar. Nur solange der Mensch die kosmischen Gesetze der Harmonie beachtet und in ihnen lebt, ist er wahrhaft frei. Es erweisen sich die kosmischen Gesetze nicht als Einengung, Beschränkung, sondern als wirkliche Freiheit. In ihrer vollkommenen Form ist Musik, so wie Josef Matthias Hauer sie verstand, kosmische Sphärenmusik. Voraussetzung und Grundlage des Zwölftonspieles bildet die Optimalstim­mung der zwölfstufigen, gleichschwebenden Temperatur, welche die denkbar stärkste Annä­herung an die Intervalle der Obertonreihen ist. Jeder Ton der zwölfstufig temperierten Ton­skala ist grundsätzlich gleichberechtigt gegenüber den anderen Tönen, d. h.: Jeder Ton muß einmal vorkommen, so daß es also zu einem Zyklus von allen zwölf Halbtönen einer großen Septim kommt. Die Zyklusfolge wird vom Musiker aus der Fülle von 479,001.600 Mög­lichkeiten ausgewählt.

Aus der jeweiligen Zyklusfolge ergeben sich die Harmonien und weiter aus den Harmonien der Rhythmus. Jede einmal festgelegte Zwölftonkonstellation eines Zwölftonzyklus enthält dadurch eine ganz spezifische Art von Musik, welche ihrerseits nach bestimmten, mathe­matisch strengen Gesetzen und Spielregeln realisiert werden. Dem schöpferischen Men­schen verbleibt jedoch die schwierigste aller Aufgaben, nämlich die Deutung des Melos. Das von Josef Matthias Hauer entwickelte System der 44 Tropen, Wendungen, Konstella­tionsgruppen, bildet den theoretischen Unterbau und die wissenschaftliche Grundlage des Zwölftonspieles. Eine Trope ist die skalenförmige Anordnung eines Zwölftonzyklus in zwei Hexachorden, die Ausfaltung des Zwölftonraumes in zwei komplementäre Sechstongruppen mit fortschreitender Tonvertauschung. Die Tropen dienen zur Orientierung im Tonuniversum. 479,001.600 Möglichkeiten der Zyklenbildung werden in Form von 44 Grundtypen geordnet und gegliedert. Sie geben Einblick in die innere Struktur eines Zyklus, insbesondere weisen sie anschaulich auf den Zusammenhang von Raum und Zeit hin. Sie gestatten eine Kontrolle ihrer zeitlichen Wandlungsphasen. Wir erkennen die Spannungen der Intervalle eines Zyklus im Verhältnis zum Hintergrund des Tonraumes. An einer Trope kann man vier Eigenschaften erkennen:

  • Die Symmetrien und lntervallverhältnisse,
  • die Polaritätsverhältnisse (die positive und nega­tive Hälfte),
  • die Positionen oder Drehformen,
  • den Phasenstand

Die 44 Tropen teilt man nach ihrer morphologischen Anordnung in 9 poly-zentralsymmetrische mit deckungsgleichen Hälften, in 12 mono-axialsymmetrische, die nur eine Symmetrieachse aufweisen, in 7 endo-binnensymmetrische mit symmetrischen Tropenbildern bei ungleichen Hälften und in 16 exo-außensymmetrische Tropen ein, welche bei völliger Asymmetrie der einzelnen Trope ein axialsymmetrisches Verhältnis zu einer zweiten Trope aufweisen.

Ausgangspunkt des Zwölftonspieles ist nicht der Ton, sondern die Tonfolge, eine Melodie, die den Zyklus der zwölf Töne umfaßt. Hierbei gilt es nun Schritte von Sprüngen zu unter­scheiden. Melodieschritte sind nur kleine und große Sekunden, also Halb- und Ganzton­schritte – alle größeren Intervalle sind Sprünge. Da der nächste Ton innerhalb einer Melodie als Bewegung nur über einen dieser beiden Schritte, der kleinen oder großen Sekund, erreicht werden kann, ergibt sich die Notwendigkeit, den Zwölftonzyklus nach vier Schwer­punkten, vier Stimmträgern zu gliedern. Die Vierklänge müssen also die Basis einer Harmo­nisierung, das Kontinuum bilden. Wenn das Kontinuum im vierfachen Kontrapunkt stehen soll, entsteht der Vierweg, der melische Entwurf in vier Stimmen, in der Zwölftonschrift in vier Farben dargestellt. Das System der Tonwelt schließt sich zu einem Ganzen: Zwölfton­zyklus, Vierklänge und Obertöne vereinen sich im Zwölftonspiel zum erkennbaren Gesetz der vierten Dimension, der zeitlichen Wirklichkeit. Raum und Zeit sind im Gleichgewicht.

Der Spielvorgang selbst wird durch die Weise „der Gründung und Entfaltung“ bestimmt. Dieses Prinzip lehrt uns die Einheit des Zeitzusammenhanges erkennen. Entfaltung ist der aktive Bewegungsprozeß eines gegründeten Ganzen in der Zeit. Jedes Zwölftonspiel stellt gleichsam den kristallisierten Fluß der Zeit da, wobei die drei gleichzeitigen Seinsvoraus­setzungen der Musik, Melos, Harmonie und Rhythmus, jeweils als verschiedene Konstituen­ten ein und desselben Phänomens erscheinen.

Das Zwölftonspiel bewegt Verstand und Gemüt in gleicher Weise und befähigt den Men­schen mit sich selbst und der Umwelt ins Gleichgewicht zu kommen. Das Zwölftonspiel ist weder erfunden, noch komponiert, noch errechnet. In ihm werden die Intervalle einer gewonnenen Zwölftonkonstellation organisch ausgeformt.

Für den Josef-Matthias-Hauer-Kreis: Victor Sokolowski

Die Tropentafel

Quelle: 80 Jahre Zwölftonmusik, Josef Matthias Hauer, 1999